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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : In der Großstadt ist tierisch was los



Bushcamper
09.08.2007, 17:12
Manch einer nutzt die „schönste Zeit“ des Jahres für einen Städtetrip. Da stehen dann kulturelle Highlights auf dem Programm, ein entspannter Einkaufsbummel und der Besuch von Straßencafés oder lauschigen Biergärten. Auf die Idee, die heimische Tierwelt in der Großstadt zu beobachten, kommen die wenigsten. Glas, Beton und Stahl, Straßen mit dichtem Verkehrsfluss und Unmengen von Abgasen, Lärm und Müll gelten eher als lebensfeindlich. Erstaunlicherweise findet sich trotzdem in unseren Städten oft eine große Vielfalt an Tieren.

Als einer der ersten hat die Amsel bereits im Verlauf des 19. Jahrhunderts den Wald verlassen und die Städte erobert. Heute gehört sie neben den fast überall anzutreffenden Straßentauben, Elstern,

Eichhörnchen und Kaninchen zum vertrauten Anblick. Auch der Haussperling, im Volksmund Spatz genannt, ist vielen noch vertraut, obwohl gerade er sich in den letzten Jahren in den Städten zunehmend rar macht. Ihm ist es hier zu aufgeräumt: zu wenig passende Nahrung auf sauber gefegten Straßen und Plätzen, zu wenig Nistmöglichkeiten in sanierten Altbauten, und von einem Staubbad an unbetonierten Stellen kann der Stadtspatz nur noch träumen.

Dass Mauersegler und Wanderfalke den Luftraum über den Städten bevölkern, ist allerdings schon nicht mehr so vielen Menschen bewusst. Als ehemalige Felsenbrüter haben diese Vögel Häuserfassaden und Straßenschluchten als Ersatz für Gebirgswände akzeptiert. Um unsere Städte erfolgreich besiedeln zu können, sind sie jedoch auch auf Unterstützung angewiesen. So installieren Mitarbeiter der Arbeitsgemeinschaft Wanderfalkenschutz im NABU NRW entsprechende Nisthilfen beispielsweise an Kirchtürmen, die von den Wanderfalken dann gerne als Brutplatz genutzt werden. Auch Turmfalken nutzen solche Angebote. Ebenfalls nicht mehr aus den Städten wegzudenken sind nachtaktive Zeitgenossen wie der Steinmarder oder der Igel. Eine relativ neue Entwicklung hingegen ist, dass bisher eher als menschenscheu eingestufte Wildtiere wie Rotfuchs, Wildschwein oder Reh mittlerweile ebenfalls hier anzutreffen sind.

Bestes Argument für den Lebensraum Stadt ist, dass sie als befriedeter Bereich Schutz vor dem Jäger bietet, was vor allem für Elstern und Dohlen , aber auch Füchse, Rehe und Wildschweine interessant sein dürfte. Darüber hinaus ist sie, anders als oft angenommen, kein lebensfeindliches Ödland, sondern bietet eine Fülle an Kleinstlebensräumen, die den ursprünglichen Lebensräumen der Tiere durchaus ähnlich sind. Beispiele dafür gibt es genug: So fühlt sich die eigentlich auf Feldern heimische Feldlerche auch auf den Brachflächen alter Bahn- und Gleisanlagen wohl. Die Heckenbraunelle - ursprünglich in Fichten- und Auwäldern zu Hause - musiziert in Parks oder auf Friedhöfen, der Austernfischer, ein noch häufiger Küstenbewohner, nutzt geschotterte Parkplätze als Brutplatz. Alte Parkbäume bieten Höhlenbewohnern wie Bunt- und Grünspecht, aber auch Fledermäusen Unterkunft.

Auch das Stadtklima ist - wer könnte das besser bestätigen als wir selbst - nicht so lebensfeindlich. Manchem Neubürger garantieren gerade die milderen Temperaturen in den Städten ein Überleben in unseren Breiten. So zum Beispiel den Halsbandsittichen, die sich in den Großstädten entlang des Rheins besonders wohlfühlen und hier die Wintermonate mehr oder weniger unbeschadet überstehen können.

Ein weiterer Zuwanderungsgrund ist das große Nahrungsangebot in Schrebergärten, Parkanlagen, Fußgängerzonen und auf öffentlichen Plätzen. Da verwundert es nicht, dass Allesfresser wie Dohlen oder Rotfüchse ihre Scheu vor dem Menschen ablegen und nach Nahrungsresten in Mülltonnen, Abfalleimern oder Komposthaufen wühlen. So hat sich beispielsweise in zehn Jahren der Bestand an Rotfüchsen in Bochum fast verdoppelt. Als Unterschlupf nutzt das äußerst lern- und anpassungsfähige Tier alles, was sich ihm bietet. Neben Holzstapeln, Rohren, Treppenaufgängen oder Kellern dienen oft auch einfach Büsche oder Hecken als temporäre Bleibe. Vor allem in Großstädten wie Berlin oder München ist es nicht unwahrscheinlich, dass man Meister Reinecke tagsüber an Imbissbuden beim Durchkämmen der Abfälle antrifft. Auch in den stadtnahen Waldgebieten und Wohngebieten von Düsseldorf oder Köln gibt es Anzeichen für eine ähnliche Annäherung. Und selbst Rehe übersehen in solch städtischen Randbereichen schon mal niedrige Schrebergartenzäune und tun sich an den jungen Knospen und Blättern von Gartenpflanzen und Gartengemüse gütlich.

Wenn Ihnen beim Grillen oder im Biergarten also ein roter Blitz die Wurst vom Teller stiebitzt, dann muss das nicht die Katze vom Nachbarn gewesen sein. Vielleicht war´s der neue Zuwanderer aus dem Umland.

Quelle: rundschau-online.de