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Bushcamper
11.12.2006, 11:37
Altenpflege: Im Seniorenzentrum Bethesda in Harreshausen erhalten die Bewohner regelmäßig Hundebesuch

HARRESHAUSEN. Wenn Hündin Jette zu Besuch kommt, freut sich Hans-Heinrich Gutknecht-Stöhr (93). Er genießt es, wenn der kleine Rauhaardackel auf seinem Schoß sitzt und sich streicheln lässt. Dann blitzen die Augen des ehemaligen Landwirts, der heute im Seniorenzentrum Bethesda in Harreshausen lebt, und oft beginnt er zu sprechen. Das tut er sonst nur noch selten. Auch das Gesicht von Gerda Künzel (95) am Nachbartisch strahlt, wenn die zehnjährige Dackeldame auf ein paar Streicheleinheiten bei ihr vorbeischaut. Seit gut einem Jahr bekommen die Bewohner des Seniorenzentrums regelmäßig Hundebesuch: Ein Projekt, das anfangs auf Skepsis stieß, aber schnell bemerkenswerte Erfolge brachte.
„Selbst Bewohner, die sonst lethargisch waren, wurden durch die Hunde wieder offener“, sagt Michael Vibrans, Leiter des Sozialdienstes im Seniorenzentrum Bethesda. Angefangen hat alles vor gut einem Jahr, als eine sozial engagierte Hundehalterin anbot, ab und zu mit ihrer Dalmatinerhündin Jule die Senioren zu besuchen. Vibrans trug den Vorschlag der Heimleitung vor: „Dort hat man mir weitgehend freie Hand gelassen.“ Nachdem Vibrans sich über mögliche rechtliche Bestimmungen über Tierbesuche in Seniorenheimen kundig gemacht hatte, durfte Jule zum ersten Mal hereinschnuppern. Später brachte Vibrans seine eigene Hündin – Jette – ebenfalls mit ins Bethesda. Die Vierbeiner fanden schnell viele Freunde: „Inzwischen vermissen es die Bewohner, wenn ich Jette mal nicht mitbringe“, sagt der Sozialdienstleiter.

Seit wenigen Jahren sind Tiere immer öfter in deutschen Senioren- und Pflegeheimen zu finden: Manche Einrichtungen halten die Vierbeiner inzwischen selbst. Andere, wie das Harreshäuser Bethesda, setzen auf Besuchsdienste. Doch die Erfahrungen der Einrichtungen sind ähnlich: „Die Menschen reagieren alle auf die Tiere. Oft sind die Hunde Gesprächsstoff, und sie rufen viele Erinnerungen wach.“ Selbst an Demenz erkrankte Heimbewohner erzählen dann laut Vibrans lebhaft von dem Pudel, den sie früher einmal besaßen, oder von dem Hund aus der Nachbarschaft, der immer Bauers Hühner jagte.

So geht es auch an diesem Freitagmorgen, als Jette bei der Gruppe demenzerkrankter Frauen hereinschaut, die im Seniorenzentrum in einer Wohngemeinschaft leben. Einige der Damen schälen gerade Kartoffeln für das Mittagessen. „Ach, ich hab’ noch nie ein so gutmütiges Hundevieh wie dich kennen gelernt“, sagt eine der Frauen, die etwas abseits am Fenster zum Garten sitzt und die Herbstsonne genießt, liebevoll zu Jette, während sie der grauen Hündin sanft den Bauch krault. Eine andere Bewohnerin erinnert sich an ihren eigenen Vierbeiner. Weiß war er, und er durfte natürlich mit der Familie im Haus leben: „Wir haben immer gesagt: Der Hund kommt ins Haus, und wenn die Kommod’ raus muss“, sagt sie und lacht. „Die Tiere sind wie Medizin“, sagt Michael Vibrans voller Überzeugung. Ganz Unrecht hat er damit nicht: Verschiedene Studien haben mittlerweile gezeigt, dass der regelmäßige Kontakt zu Tieren bei chronisch Kranken zu einer Reduzierung des Medikamentenbedarfs führen kann.

Bedenken habe es zu Beginn des Projekts im Bethesda hauptsächlich wegen der Hygiene gegeben. „Natürlich muss man darauf achten, dass Hunde, die zu Besuch kommen, geimpft und gesund sind.“ Bei Jette und Jule ist das keine Frage. Isolation vermeiden, ein wenig „normales Leben“ in den Heimalltag bringen, das ist das Ziel der Hundebesuche. Während manche Senioren nicht mehr an Bastelstunden teilnehmen können, schlecht hören oder sehen, können sich an den Vierbeinern alle erfreuen.

Und wenn es denen einmal zu bunt wird? „Die Bezugsperson des Hundes muss bei den Besuchen natürlich dabei sein“, erklärt Michael Vibrans. Wenn Jette einmal eine Pause braucht vom vielen Gestreicheltwerden, dann zieht sie sich von selbst zurück. Ihr Schlafkissen steht an der Tür zu Herrchens Büro, da kuschelt sie sich bei Bedarf hinein und schnarcht auch schon mal laut. Hin und wieder kommt es vor, dass Jette selbst beim Ausruhen nicht auf kraulende Hände verzichten will: „Dann legt sie sich mitten in den Weg und wartet darauf, dass jemand vorbeikommt.“ Was meist nicht lange dauert.

Gerne würde Michel Vibrans noch mehr Tiere im beziehungsweise am Bethesda sehen: Hinter dem Haus – da, wo auch der Garten ist, in dem sich viele Heimbewohner bei schönem Wetter gerne aufhalten und im Sommer sogar ein wenig gärtnern können – steht schon seit geraumer Zeit eine Voliere. Vögel leben dort noch nicht: „Wir suchen noch jemanden, der sich ehrenamtlich darum kümmert.“ Doch vielleicht findet sich ja auch dafür jemand, dem es Freude bereitet, alten Menschen eine Freude zu bereiten.

Quelle: echo-online.de