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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Tiere brechen das Eis



Bushcamper
02.10.2006, 10:01
Der Umgang mit Pferden, Hunden, Meerschweinchen und Delfinen wirkt Wunder bei manchen Verhaltensstörungen. Vierbeinige Therapeuten helfen behinderten Kindern und dementen Erwachsene

Manchmal geht gar nichts. Da wurde einem autistischen Kind in den USA eine Psychotherapie verordnet, aber der Therapeut bekam einfach keinen Kontakt zu dem kleinen Jungen. Bis er eines Tages seinen Hund mitbrachte: Das Kind taute auf, sprach mit dem Hund und bald auch mit den Menschen.

Das war vor über 20 Jahren der Beginn der "Tiergestützten Psychotherapie", wie sie heute auch in Europa weit verbreitet und auch gut erforscht ist: Tiere, vor allem Pferde, Hunde, Katzen, Vögel und Delfine, werden eingesetzt, um verhaltensgestörten oder körperbehinderten Kindern zu helfen oder alte, demente und depressive Heimbewohner aus ihrer Starrheit zu befreien.

Eine Reittherapie - zum Beispiel auf vielen Reiterhöfen in Brandenburg, aber auch auf der Domäne Dahlem in Berlin angeboten - hilft Kindern mit spastischen Lähmungen, Multipler Sklerose und angeborenen Hirnschädigungen ihre Muskeln zu stärken, das Gleichgewicht zu halten, Beschwerden zu lindern und sie wieder lebensfroher zu machen. Aber auch verhaltensaufällige, lernbehinderte oder geistig behinderte Kinder leben auf, wenn sie mit Pferden umgehen dürfen. Untersuchungen belegen die Erfolge dieser Therapie, die Krankenkassen bezahlen.

Ähnliche Wirkungen erhoffen sich viele Eltern auch von der Delfintherapie. Aber hier fehlen noch abschließende Beweise für gesundheitliche Erfolge, die ausdrücklich von den Meeressäugern ausgehen sollen und nicht von der gesamten entspannten Urlaubsatmosphäre. Die extrem teure Therapie in südlichen Gefilden ist oft die letzte Hoffnung für Eltern von mehrfach behinderten Kindern. Aber sie ist umstritten. Um die Spreu vom Weizen zu trennen, läuft an der Universität Würzburg seit mehreren Jahren in Zusammenarbeit mit dem Nürnberger Zoo ein wissenschaftlich begleitetes Forschungsprojekt.

Gut erforscht ist die Therapie mit speziell ausgebildeten Hunden, die Bewohner in Altersheimen besuchen. Alte Menschen nehmen wieder Anteil am Leben, sie füttern und streicheln die Tiere, sprechen mit ihnen oder über sie und freuen sich auf die nächste Begegnung. Manche, die sonst kaum noch aus dem Bett kommen, stehen auf und ziehen sich an, wenn die Hunde kommen. Hunde gehen aber auch in die Kinder- und Jugendpsychiatrie, wo seelisch gestörte Kinder und Jugendliche ins normale Leben zurückfinden sollen. Auch Ängste vor Menschen werden über den Kontakt mit Hunden vermindert. Sie haben eine Art Eisbrecherfunktion.

Kleintiere, zum Beispiel Meerschweinchen oder auch Gänse, können, so eine Untersuchung der Universität Bremen bei alten Menschen in vieler Hinsicht therapeutisch wirksam werden. Sie reduzieren Isolation und Rückzug, das subjektive Gesundheitsempfinden, verbessern Gedächtnis und Orientierung, vermindern Wundliegen, Thrombosen, Mangelerscheinungen und Verhaltensaufälligkeiten.

Die Kinder- und -Jugendpsychiatrie in Rostock arbeitet mit Kaninchen und Meerschweinchen. "Nahezu alles ist möglich, wo zwischen Mensch und Tier Zuneigung entsteht", sagt Professor Erhard Olbrich aus Zürich, der dazu Jahrzehnte an der Universität Erlangen geforscht hat. "Wichtig ist, dass sowohl Trainer wie auch Tiere sorgfältig ausgebildet werden. Als Tiertherapeut werden nur Menschen mit einer psychologischen oder sozialpädagogischen Grundausbildung zugelassen. Und die Tiere dürfen nicht überfordert werden. Aber wenn die Beziehung zwischen Mensch und Tier funktioniert, lassen sich auch viele gesundheitliche Effekte - zum Beispiel auf hohen Blutdruck, Angina pectoris oder Stress - nachweisen."