PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Es menschelt so schön - Tier-Doku-Soaps sind das ideale Familienfernsehen



Bushcamper
31.08.2006, 14:31
Es menschelt so schön - Tier-Doku-Soaps sind das ideale Familienfernsehen

Der Mensch formt sich das Tier nach seinem Bilde. Es soll auch fernsehen. Die DVD "Fernsehen für Hunde", im Internet für etwas mehr als 20 Euro zu erwerben, zeigt zur Beruhigung der vorübergehend allein gelassenen Lieblinge eine Stunde lang Hundeschnauzen aller Rassen und Couleur. Der Produzent, die Kasseler Firma Limox, weist vorsorglich darauf hin, dass er keine Haftung für die Reaktionen des Hundes übernimmt.
Umgekehrt ist es ganz ähnlich. Das Fernsehen für Menschen zeigt auch gerne Hundeschnauzen, und Haftung für die Reaktionen des Zuschauers übernimmt auch niemand. Tiere gehen immer gut, dieser Merksatz für alle Medienschaffenden gilt mehr denn je. Kein Tag ohne Zoobesuch, kein Tag ohne Tierärzte und Tierpfleger, kein Tag ohne Dokusoaps, Magazine und Tierfilme.

Das Fernsehen hat sich schon immer für Tiere interessiert, freilich mit wechselnden Formaten, Erzählformen und mit wechselndem Erfolg. Besonders gerne erzählt das Fernsehen zurzeit von wilden Tieren, die in der Nachbarschaft leben. Zoo-Dokusoaps haben die Sendeplätze für Tierdokumentationen erobert, im vergangenen Jahr bei der ARD und seit März auch im ZDF.

Keine wilden Geparden mehr

Die klassische Beobachtung von Tieren in freier Wildbahn scheint nur noch für die Programmränder in den Dritten und bei ARTE zu taugen. "Ein Tier frisst das andere, diese Art von Dokus sind ein bisschen aus der Mode gekommen", sagt ARD-Sprecher Bernhard Möllmann. Die nachmittägliche Tierdoku-Reihe "Abenteuer Wildnis" wurde abgesetzt. Stattdessen löste "Elefant, Tiger & Co.", eine MDR-Dokusoap aus dem Leipziger Zoo, im Herbst 2005 einen Boom aus, dessen Ende noch nicht abzusehen ist. Bei der ARD läuft mittlerweile die vierte, beim ZDF die dritte Reihe.

In Mainz sei man schon eine Weile mit dem sinkenden Publikumsinteresse an der Doku-Reihe "Wunderbare Welt" unzufrieden gewesen, sagt Peter Arens, Leiter der ZDF-Hauptredaktion Kultur und Wissenschaft. Es habe eine Übersättigung an klassischen Natur- oder Tierdokumentationen gegeben. "Ein Film über einen Geparden war kein Solitär mehr, sondern konnte gleich auf mehreren Sendern laufen", erklärt Arens. Ein fester Sendeplatz für die "Wunderbare Welt" sei derzeit zwar nicht geplant, Tierdokumentationen seien an Feiertagen oder am Sonntag um 19.30 Uhr aber weiterhin vorgesehen. Seit März zeigt nun auch das ZDF nachmittags keine Geparden mehr, sondern Tiere hinter Gittern. Allerdings sind die "Berliner Schnauzen" der Mainzer auch beim Zuschauererfolg nur Zweiter (s. Übersicht).

Graupapagei mit Liebeskummer

Dabei sind die Unterschiede nicht besonders groß: Alles dreht sich um dieselben Themen wie beim Menschen: um Liebe (Paarung) und Macht (Revierverhalten), um Futtern und Faulenzen. Die Geschichten handeln von Geburt und Kindheit, vom Erwachsenwerden, vom Kranksein und Altern. Sie erzählen, wie ähnlich die Tiere den Menschen sind. Seelöwenbulle Pit zum Beispiel, der erst so richtig aktiv wird, wenn "die Mädels" (Tierpfleger Helmut) in der Nähe sind. Oder Graupapagei-Witwer Olli, den Liebeskummer bedrückt. "Wird eine junge Papageien-Dame Ollis Herz erobern können?", fragt der Sprecher der ZDF-"Ruhrpott-Schnauzen" hoffnungsfroh. Da hält für einen Augenblick Rosamunde Pilcher Einzug in den Duisburger Zoo. Zum Glück sind die meisten Kommentare weniger klebrig-süß, die Sprecher schlagen lieber einen gutmütig-väterlichen Ton an.

Zoo-Dokusoaps bedienen weniger die klassische Tierfreund-Klientel, es sind Familienserien, und die Menschen übernehmen darin die Rolle der fürsorglichen Eltern. War nicht mal der Mensch die größte Bedrohung für die Tierwelt? Auf diese konstante Botschaft in den Tierfilmen seit Bernhard Grzimek finden sich gelegentlich Hinweise, denn en passant werden Info-Häppchen über die natürlichen Lebensumstände ausgeteilt. Doch hier dominiert der positive Gegenentwurf: Menschen, die den Tieren respektvoll gegenübertreten, immer gut gelaunt und mit einem lockeren Spruch auf den Lippen. "Morgen, Jungs. Na, alles klar bei euch?", grüßt Pfleger Klaus. Da fühlt sich die Seychellen-Riesenschildkröte so richtig wohl. Und der Zuschauer auch.

Die heimlichen Stars sind die Menschen, die Pfleger und Tierärzte - Typ hilfsbereiter Nachbar. Sie dozieren selten, kommen nicht als Missionare des Tierschutzes daher, sondern als zupackende und sachkundige Freunde der Tierwelt. Die Vielfalt der Arten bietet beinahe grenzenlose und verblüffende Variationen. Man staunt bei "Eisbär, Affe & Co." (ARD/SWR) nicht schlecht über Ferdinand, den Kraken, der seinem Pfleger die Hand beziehungsweise die Tentakel schüttelt. Wie gut sich Mensch und Tier doch verstehen! Zoo-Dokusoaps haben eine versöhnliche Botschaft.

Das Fernsehen gewährt einen Blick hinter die Kulissen und erzählt dabei Geschichten voller Emotionen, meistens mit harmonischem Ausgang. Die Protagonisten sind authentisch, es bedarf keiner aufwändigen Inszenierungen, nur einer simplen Dramaturgie aus ineinander verschachtelten Miniatur-Dramoletten. Die Zumutungen fürs Publikum halten sich in Grenzen, allzu brutal darf es am Nachmittag nicht zugehen. Wie sich wilde Tiere in freier Wildbahn verhalten, lässt sich natürlich nur in Ansätzen beobachten. Aber dafür sind auch die Reisekosten niedriger und die Drehzeiten kürzer, denn die Tiere können ja nicht fliehen. Zuschauer, die vor dem eigentlich strafbaren Dilettantismus der Gerichtsshows in RTL und Sat.1 zu den Zoo-Soaps flüchten, haben wenigstens keinen groben Fehler gemacht.

Die Zoos nutzen diese Plattformen gerne, ARD und ZDF planen munter weiter. Die Mainzer werden nach den Duisburger "Ruhrpott-Schnauzen" in den Dresdner Zoo wechseln. Innerhalb der ARD sollen möglichst viele Rundfunkanstalten nach dem "Tatort"-Muster miteinbezogen werden: Der Hessische Rundfunk produziert "Giraffe, Erdmännchen & Co." aus dem Opel-Zoo in Kronberg und dem Frankfurter Zoo. Der Norddeutsche Rundfunk tritt mit "Wolf, Bär & Co." aus dem Wildpark in der Lüneburger Heide an, und der Bayerische Rundfunk bringt sich mit "Nashorn, Zebra & Co." aus München-Hellabrunn ein. Bis weit ins Jahr 2007 reichen die Pläne. Am 26. August startet außerdem ein RBB-Ableger aus Berlin speziell fürs Kinderprogramm ("Weiches Fell und scharfe Krallen"). Bedenkt man die zahlreichen Wiederholungstermine der Zoo-Reihen von MDR, WDR ("Pinguin, Löwe & Co.") und RBB ("Panda, Gorilla & Co.") in den dritten Programmen, fällt die Prognose nicht schwer, dass sich irgendwann Überdruss einstellen dürfte.

Im Privatfernsehen hat sich der Kölner Sender Vox eine knapp eine Million Zuschauer starke Stammkundschaft unter den Besitzern von mehr als 20 Millionen Haustieren erarbeitet.

Wo Hunde eine gute Figur machen

"Tier-Nanny" Katja Geb-Mann dressiert Vier- und Zweibeiner sonntags nach dem Ende der laufenden Staffel vorerst nicht weiter, doch sonst baut Vox sein tierisches Angebot aus: Mit der Dokusoap "Menschen, Tiere & Doktoren" springt der Sender Ende August auf den Erfolgszug der Zoo-Serien am Nachmittag. Bislang waren dort US-Serien zu sehen. Außerdem wird ein Format des Muttersenders RTL adaptiert. Vox sucht für seine geplante Primetime-Show "Top Dog - Deutschland sucht den Superhund!" Menschen und Hunde, die in einem Hundecamp gemeinsam trainieren. Der Hund soll lernen, in jeder Situation eine gute Figur zu machen, "ob vor der Kamera oder auf dem Laufsteg", heißt es in der Ausschreibung. Dem Besitzer des Siegerhundes winken 10.000 Euro, dem Vierbeiner selbst wird zwar kein Plattenvertrag, aber ein Titelbild auf einem Tiermagazin versprochen.

Auch für Tier-TV gilt offenkundig: Harmonische Formate passen gut in die Zeit. Das tierische Allerlei eignet sich vorzüglich als Rückzugsgebiet angesichts einer wachsenden Verunsicherung in einer bedrohlichen Welt. Und die vielen wohlwollend in Szene gesetzten Tierfreunde sind für das von Politik und Nachrichten gestresste Publikum der beruhigende Beweis: Es gibt auch gute Menschen!

Leider fallen die kleinen TV-Fluchten nicht immer geschmackssicher aus. Die ARD testete gerade im Vorabendprogramm "Die Tierretter von Aiderbichl", eine vor Tierliebeskitsch triefende Dokusoap über eine Art Altersheim für Vögel und Vierbeiner in der Nähe von Salzburg (Kritik in epd 58/06). Die Tierpflegerinnen und -pfleger waren hier gleichzeitig Moralwächter, die gegen das Böse kämpfen. Dazu gab es den Welpen-Augenaufschlag in Zeitlupe und jede Menge Softpop als Begleitmusik. Die niedrigen Marktanteile auf dem Sendeplatz für die Top-Serien des Werberahmenprogramms (18.50 Uhr) - jede Folge blieb unter zehn Prozent - waren doch nicht niedrig genug, als dass die ARD nicht eine Fortsetzung erwägen würde.

Hochglanz-Produktionen

Traurig, aber wahr: Während beharrliche Hinweise auf Artenschutz und bedrohte Naturräume in Tierfilmen als ermüdend und irgendwie nicht mehr zeitgemäß gelten, bringt es ein derart aufdringliches, gefühlsduseliges Format im Ersten in Primetime-Nähe. Für einen Sendeplatz mit ähnlichem Aufmerksamkeitswert müssen Tierfilmer monatelang Kopf und Kragen riskieren und einen Haufen Geld investieren. Nur noch internationale Hochglanz-Produktionen schaffen es in die Hauptsendezeit. Wie "Planet Erde": Die ARD zeigt die fünfteilige, federführend von der BBC produzierte Doku-Reihe ab dem 4. September, jeweils montags (21 Uhr). Nach 2000 Drehtagen an 200 Drehorten kostet eine einzige 45-Minuten-Folge über das Leben auf dem blauen Planeten rund zwei Millionen Euro.

Tiere machen Quote

Das ZDF stellt neuerdings am Sonntag (19.30 Uhr) unter der Dachmarke "Adventure X" Sendeplätze für aufwändige Produktionen bereit. Filme über den Kondor und die Anaconda sind bereits gelaufen. Doch das Tier allein ist auch hier längst nicht mehr interessant genug. "Im Moment setzen wir auf Protagonisten. Die Begegnung von Mensch und Tier ermöglicht neue, spannende Filme", sagt Peter Arens. Filmemacher wie Andreas Kieling ("Der Bärenmann", "Im Schatten der Gletscher") sollen zunehmend als Präsentatoren in den Mittelpunkt rücken. "Der Mensch spielt wieder eine Rolle im Tierfilm", erklärt auch Peter Fera. Der 70-Jährige, der in 40 Jahren mehr als hundert Filme drehte, arbeitet als Produktionsleiter und Berater bei der Heidelberger Marco Polo AG. Vor allem die Machart habe sich im Lauf der Jahre verändert. Das dozierende Lehrstück gehöre der Vergangenheit an, nun gelte es, "reine Story-Filme" zu drehen. Außerdem "kommt ein bisschen mehr Abenteuer mit rein".

Für Harmonie und Abenteuer ist also gesorgt, darf's auch ein bisschen mehr sein? Neben der Unterhaltung habe der Tierfilm eine Funktion, meint Fera. Er müsse Antworten geben auf Fragen wie: "Woher kommt die Milch?" Ja, woher noch mal? Dies könnte zur Not "Die Sendung mit der Maus" erklären, sonst haben es ökologische Zusammenhänge schwer im deutschen Fernsehen, aber nicht nur dort. Spätestens seit dem 11. September 2001 sieht die Prioritätenliste der politischen Themen anders aus, und das fortlaufende Heraufbeschwören von Umweltkatastrophen hat sich als nicht sehr wirksam erwiesen.

Problembären und Vogelgrippe

WDR-Wissenschaftsredakteur Ranga Yogeshwar erinnert sich an Wahlkämpfe, in denen die Umweltpolitik Thema Nummer eins gewesen sei. "Und allabendlich brannte der Regenwald. Er brennt immer noch, aber wir sehen es im Fernsehen nicht mehr", sagt Yogeshwar. Ihn betrübt vor allem, dass sich die ARD zur besten Sendezeit nicht einmal ein Wissenschaftsmagazin leistet. Seit Beginn des Jahres moderiert er "W wie Wissen" am Sonntagnachmittag (17.03 Uhr) vor durchschnittlich 1,33 Millionen Zuschauern. Gelegentlich greifen die Politik-Magazine im Ersten ökologische Themen auf.

Das ZDF beteiligte sich 2005 an einer Naturschutz-Kampagne für Schmetterlinge und sendet sonntags immerhin noch "ZDF.umwelt". Doch die Zeit von Natur- oder Tierschutz-Magazinen in der Primetime ist im Ersten und beim ZDF vorerst vorbei, und ein neuer Horst Stern ist weit und breit nicht in Sicht. "Es ist ein bisschen deutsch, für jede Art von Empörung ein eigenes Kästchen aufzustellen. Tierschutz ist ein Querschnittthema und muss sich ganz selbstverständlich in verschiedenen Formaten wiederfinden", erklärt Peter Arens und erinnert an die Berichte von Manfred Karremann über qualvolle Tiertransporte. Aufgrund seines "37°"-Filmes "Endstation Beirut" seien Ende 2005 die EU-Subventionen für den Transport von Rindern in das Nicht-EU-Ausland gestrichen worden.

So gilt für Mensch und Tier gleichermaßen: Kriege und Katastrophen, Unglück und Tod schaffen höhere Aufmerksamkeit. Als Tier muss man schon ein Problembär sein oder dem Vogelgrippe-Virus zum Opfer fallen, um zur besten Sendezeit ein Sendeplätzchen zu kriegen.

Quelle: epd medien Nr. 67, 26. August 2006