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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Ein Viertel aller Vogelarten bedroht



Bushcamper
16.08.2006, 09:40
Zwölf Prozent aller Vogelarten droht bis zum Jahr 2100 das Aussterben, weitere zwölf Prozent sind gefährdet, errechneten US-Forscher. Bereits seit Jahrhunderten liege das Artensterben über dem natürlichen Durchschnitt - und werde sich bis Ende des Jahrhunderts noch verzehnfachen.

Jedes Jahr soll eine Vogelart aussterben. Diese Schätzung liegt weit über dem Wert von einer ausgestorbenen Spezies alle vier Jahre, den Zoologen bislang veranschlagt hatten. Die bisherige Annahme für den Verlust an Vielfalt unter den rund 10.000 derzeit bekannten Vogelarten, ist drastisch unterschätzt, sagt Stuart Pimm von der Duke University im US-Bundesstaat North Carolina.

Mit den Mitteln der Taxonomie und der Statistik hat sein Team die erste erschöpfende Liste aller bekannten - lebenden wie ausgestorbenen - Vogelarten erstellt, von der sich ablesen lässt, mit welchem Tempo die Artenvielfalt wirklich abnimmt. So kommt der Wert von einer Vogelart pro Jahr für die Gegenwart zustande.

Die Wissenschaftler fanden aber auch heraus: Schon vor Beginn der Industrialisierung nahm die Artenvielfalt deutlich stärker ab, als es dem natürlichen Durchschnitt entsprochen hätte. Die Forscher stellen ihre Berechnungen in der Online-Ausgabe der Wissenschaftszeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences" vor. Eine Spezies pro Jahrhundert, schreiben Pimm und seine Kollegen, hätte man erwarten können. Dieser Mittelwert für den natürlichen Verlauf ist aus Fossilfunden abgeleitet. Er gilt nicht für plötzliche Massensterben, wie jenes am Ende der Kreidezeit oder das geheimnisvolle Sterben beim Übergang vom Perm zum Trias.

Die alten Zahlen fußten vor allem auf Beobachtungen, die zwischen dem Jahr 1500 und heute gemacht worden seien. Die meisten Vogelarten habe man erst nach 1850 entdeckt. Ausgestorbene Spezies würden erst mit erheblicher Zeitverzögerung auch als solche verzeichnet. Und anhand von Knochenfunden würden Forscher auf immer mehr Arten stoßen, die bereits vor 1800 ausgestorben seien.

Ausbreitung des Menschen dünnte Vogelvielfalt aus

Nicht nur die Folgen der Industrialisierung - etwa die wuchernden städtischen Verdichtungsräume und die Klimaerwärmung - sind den Forschern zufolge für das Artensterben in der Vogelwelt verantwortlich. Die Ausbreitung des Menschen habe auch schon in früheren Zeiten viele Arten ausgerottet. Die Wissenschaftler nennen als Beispiel die Besiedlung des Pazifikraums durch die Polynesier. Die Osterinseln etwa seien von den Menschen völlig abgeholzt worden - kein guter Lebensraum für Vögel mehr. Außerdem schleppten die Zweibeiner fremde Tiere und Krankheiten in vormals isolierte Lebensräume ein. Dieser Trend werde sich fortsetzen.

Ende des Jahrhunderts, so glaubt Peter Raven vom Missouri Botanical Garden in St. Louis, "werden wir eine völlige Homogenisierung sehen, ein Ende regionaler Unterschiede". Ravens Szenario für das Jahr 2100: "Einige wenige Vogelarten werden wir überall sehen - gleich ob sie einheimisch sind oder nicht."

Rekordzahl bedrohter Arten

Die Geschwindigkeit des Aussterbens werde sich bis 2100 verzehnfachen, schreiben Pimm, Raven und ihre Kollegen. Zwölf Prozent aller heute bekannten Vogelarten seien in diesem Jahrhundert vom Aussterben bedroht, zwölf weitere Prozent arg gefährdet, weil sie "eine geringe geographische Reichweite haben und dort leben, wo ihre Lebensräume rasant vom Menschen zerstört werden".

Die Tierschutzorganisation Birdlife International spricht von einer Rekordzahl bedrohter Vogelarten. Der jährliche Überblick zur Situation der Vogelarten in der Welt, dessen aktuelle Version frisch veröffentlicht wurde, listet 1210 Spezies als vom Aussterben bedroht auf.

Immerhin, so schreiben die Forscher, würden Vögel besser geschützt als andere Tierarten. Ohne Naturschutz-Maßnahmen wären noch viel mehr Gefieder-Spezies zum Aussterben verurteilt. Auf andere Tierarten könne man die Ergebnisse deshalb nur bedingt übertragen: Erstens, weil es sich um eine sehr konservative Schätzung handele. Und zweitens, weil Vögel noch zu den am wenigsten von menschlichen Aktivitäten betroffenen Tierarten zählten.

stx/dpa